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Die Schönsten Fernwanderwege 2021

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36 Seiten – 20 Tourentipps - 6.000 Wanderkilometer – 8 Länder

Weiter gehen –

Weiter gehen – Sehnsucht und Bestimmung Der über 80 km lange Karhunkierros, die Bärenrunde, führt durch den Oulanka- Nationalpark im Norden Finnlands. Gourmet-Küche sieht anders aus? Nach anstrengender Wanderung bei -22° C verändern sich Ansichten. 6 Als junger Thorsten, der die Welt sehen und Abenteuer erleben wollte, zog es mich mit stetig zunehmender Reise- und Wandererfahrung immer weiter hinaus in die Ferne. Immer soweit, wie es Geld und Zeit zuließen. Dabei war es nicht zwangsläufig so, dass ich einen bestimmten Weitwanderweg im Blick hatte. Wandern war auch immer die wirtschaftlich günstigste Möglichkeit von A über B nach C zu kommen. Insbesondere dann, wenn ich einem Arbeitgeber unbezahlten Urlaub abgerungen hatte, da ich mit meinem Jahresurlaub einfach nicht mehr auskam. Das Weitwandern vor der eigenen Haustüre spielte zunächst keine Rolle; ich gebe zu, die Idee war mir zunächst überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Und wenn, dann hätte ich sie wohl als geradezu grotesk empfunden. Das sollte sich mit Beginn der 2000er Jahre ändern, als Wandern in Deutschland völlig neuen Schwung bekam. Es entstanden Weitwanderwege, die mit einem klaren Qualitätsversprechen daherkamen. Inzwischen arbeitete ich selbst als Verantwortlicher für den Bereich Wandern bei einem Touristikverband und wirkte an einem der ersten drei zertifizierten Weitwanderwege in Deutschland mit. Und dieser führte im wahrsten Sinne des Wortes an meiner Haustüre vorbei! Näher dran ging nicht und ich packte meinen Rucksack, um mich auf den Weg zu meiner ersten Weitwanderung in Deutschland zu machen. Inzwischen hatte ich viel Erfahrung mit dem Packen des Rucksacks gesammelt. Gleich mehrere in verschiedenen Größen hatten sich bei mir angesammelt. Ein größerer als mein Grönlandrucksack kam bis heute übrigens nicht hinzu. Bei der Entwicklung von Outdoor-Ausrüstung zogen immer neuere Materialen ein, technische Optimierung sorgte für effizientere und leichtere Ausrüstung, um auch den Bedürfnissen der stetig größer werdenden Zielgruppe der Weitwanderer Rechnung zu tragen. Nicht nur bei Rucksäcken und Klamotten für alle möglichen Einsätze habe ich inzwischen eine große Auswahl, auch Schlafsäcke, Isomatten und jede Menge übriger Ausrüstung findet sich in Schränken und Regalen. Das Packen selbst für eine mehrwöchige Tour nimmt mittlerweile nur noch Minuten in Anspruch. Fürs Leben lernen Letztlich ist es aber egal, wohin es geht und wie lange – nach wie vor freue ich mich fast wie ein Kind alleine schon auf die Planung einer Tour, die ein bedeutsamer Teil der Faszination Weitwandern ist. Das Auseinandersetzen mit den eigenen Ansprüchen, das Sich-entscheiden-Müssen, die physische und psychische Vorbereitung, Kompromissfähigkeit und mit alledem das Einlassen – trotz aller Planungen – auf Unvorhersehbares. Eine Weitwanderung ohne Neugier und Flexibilität anzugehen, kann durchaus zu Enttäuschungen führen. Und so gesehen ist das Beschreiten eines weiten Weges nichts anderes als ein Teil des eigenen Lebensweges. Bewusstsein und Leidenschaft, mit den eigenen Kräften das Ziel erreichen. Was vielleicht etwas pathetisch klingen mag, half mir, Schritt für Schritt meiner Bestimmung näher zu kommen. Wovon ich vor vielen Jahren nicht zu träumen gewagt hätte, ist in Erfüllung gegangen: Die Leidenschaft für das (Weit)Wandern wurde zu meinem Leben, sie er-

nährt mich und macht mich glücklich. Auch wenn, ganz nüchtern betrachtet, meine Lebenszeit nicht mehr für all die Wege ausreichen wird, die ich mal auf ein Stück Papier schrieb. Es finden sich sehr lange Wege darunter. Die Sehnsucht vergeht nicht Mehr als 30 Jahre nach meiner ersten Weitwanderung ist von meiner Sehnsucht nichts auf der Strecke geblieben. Ich finde es interessant, dass der eine oder die andere meinte, die Lust immer wieder neues anzugehen, sich immer wieder auf den Weg zu machen, würde schon irgendwann nachlassen. Ich will dem nicht widersprechen, nur kann ich das meinerseits bislang nicht feststellen. Ganz im Gegenteil: Ich will weiter wandern und so gibt es die Überlegung zu einer mehrwöchigen Wanderung durch den Kaukasus. Dabei sind es aber nicht die „nackten“ Zahlen von Kilometern, Höhenmetern und Anzahl von Tagen, die das Erlebnis Weitwandern ausmachen. Es sind die Begegnungen mit den Landschaften, mit den Menschen, mit den Kulturen und nicht zuletzt ist es die Zeit mit sich selbst. Eine ganz besondere Wanderung durfte ich im Oktober 2020 erleben, als ich eine Woche mit meiner damals neunjährigen Tochter unterwegs gewesen bin. Wir wanderten jeden Tag, schliefen im Wald, holten das Wasser aus Quellen und Bächen und kochten vorm Zelt unser Essen (ohne Moskitos). Als wir am letzten Tag unser Ziel vor Augen hatten, rollten ein paar Tränen ihre Wangen hinunter. Sie wollte weitergehen. Im Corona-Jahr 2020 war diese, unsere Wanderwoche eine ganz besonders wertvolle Zeit. Wir werden weiter gehen. An einem sonnig-kalten Abend am Arctic Circle Trail in Grönland: wohltuende Einsamkeit. GRANDE TRAVERSATI DELLE ALPI – PIEMONT Eine Weitwanderung hält stets jede Menge Höhepunkte für mich bereit – vom Erreichen eines Passes bis zur Bändigung des inneren Schweinehundes. Meine mentalen und körperlichen Kräfte stehen im Einklang – das hilft mir in allen Lebenslagen. www.wandermagazin.de 7