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Belgische Ardennen – Wandermagazin 209

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Belgische Ardennen: Zu den Quellen guten Lebens Wandermagazin-Herausgeber zeigt auf 22 Seiten die grünen und genussvollen und erfrischenden Seiten der Belgischen Ardennen rund um Spa, Bouillon und das Hohe Venn.

REGIOPANORAMA I

REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN Monsieur Edouard präsentiert seine Pralinenserie für das Kloster Orval © Michael Sänger zenden Schokoladen- und Grüntee-Rosen-Überzug mit einem Hauch Passionsfrucht wie ein Gemälde von Picasso. Die dritte Praline, im Format eines Würfels, tiefbraun mit glänzendem Überzug, enthalte Rosmarin und einer silbrigen Geschmacksnote, habe er auf den Namen „Toscana“ getauft. Zum Abschluss gibt mir der Chocolatier einen letzten Tipp: Auch kalte Schokolade laufe weiß an, wenn sie zu rasch erwärmt wird. Kondenswasser löse den Zucker aus der Schokomasse und der setze sich dann als weißer Belag ab. Gut zu wissen! DER VIRTUOSE UND SEINE PRODUZENTEN Ortswechsel! Ich stehe in Our, noch so eines der pittoresken Ardennendörfer. Idyllisch an der knapp 14 km langen Our, einem der linken Zuflüsse der Lesse, gelegen, ist Our Schnittpunkt von zwei großen Fernwanderwegen, der Transardennaise und dem GR 14. Heute will ich Maxime Collard, einen der Mitbegründer der „Generation W“, besuchen. Das W steht für Wallonie und verpflichte aktuell 24 Spitzenköche aus der Wallonie, ihre virtuosen Kochkünste vorzugsweise mit regionalen Produkten zu realisieren. Wer dem Kollektiv angehören möchte, muss mit mindestens fünf verschiedenen regionalen Produzenten kooperieren. Dabei, so erklärt mir der Sternekoch aus dem 200-Seelendorf, soll der Gast die Produkte, die er in einem der Restaurants des Kollektivs entdeckt, möglichst auch selbst beim Erzeuger kaufen können. So etwa das Brot der Moulin de Vencimont von Ambroise De Greift, dessen Brote wie vor 400 Jahren noch von Hand hergestellt werden. Während der 36-jährige Meisterkoch in der Küche seines Restaurants „La Table de Maxime“ eine Sauce cremig rührt, erzählt er von der Fülle regionaler Produkte aus der näheren Umgebung. Zum Beispiel die Kartoffeln der Sorte „Plate de Florenville“, festkochend mit rötlicher Schale und goldgelbem Fruchtfleisch. Oder der würzige Ziegenfrischkäse von Madame Ann Loicq aus dem Nachbardorf Maissin. Die freundliche Dame in der Ziegenkäserei wird mir anderntags erzählen, dass sie für 250 Gramm Weichkäse 2,5 Liter Ziegenmilch benötige und seit 22 Jahren Ziegen züchte. Maxime Collard kocht seit Kindheitstagen, anfangs mit Mama und Großmutter. Er entdeckt alte, regionale Rezepte immer wieder neu und verfeinert sie. Für die Tarte sorgt Pierre Legrand aus Bouillon. Die besten Würste, schlachtfrisches Fleisch vom Rind, Schwein oder Lamm liefert Metzgermeister Martin aus dem kleinen Naomé, nur einige Minuten von Our entfernt. Für die edlen Pralinen ist, natürlich, Monsieur Edouard aus Florenville zuständig. Ob er schon wisse, was im Dezember in den Topf und auf den Teller kommen werde, will ich wissen. Maxime schließt kurz die Augen und murmelt dann etwas vom Filet vom Hirschkalb, vielleicht Hase und bestimmt auch etwas Antiklinale in Durbuy ein geologisches Highlight © WBT, Bruno d‘Alimonte 16 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021

vom Fasan. Selbstredend stehen Trappistenbiere aus Orval ganz oben auf der eigenen Bierkarte und auch einige Weine auf der imposanten Weinkarte stammen aus der Nachbarschaft. Nach einem für mich unübertroffenen Augen- und Gaumenschmaus mit fünf Gängen und erlesenen Weinen am Vorabend fahre ich heute zu Monsieur Martin und seiner „Boucherie de la Ferme Martin“. Wieder so ein kleines Ardennennest. Ich frage mich, wie sich in einem Dorf mit 400 Einwohnern eine Metzgerei halten kann. Monsieur Martin lacht und meint, die Wallonen seien große Fleischliebhaber. Er halte eigene Rinder, Schafe und Schweine. Er verarbeite das Fleisch, die Würste und Schinken nach alten Rezepten und die Menschen mögen es. Kurze Wege, ökologische Landwirtschaft, beste Qualität. TREPPEN, LEITERN UND DAS VERSCHWUNDENE WASSER Die Sonne dieses Augustmorgens verheißt größtes Wandervergnügen. Rochehaut liegt hoch über einer der graziösen 180 Grad-Schleifen der Semois mit sagenhaften Ausblicken. Im Ort tummeln sich die Touristen, einige Rucksackwanderer folgen wie ich der Markierung mit dem roten Rechteck. Schon bald windet sich der Weg steil hinunter zur Semois, die hier behäbig und breit über Schieferbänke flussabwärts strömt. Für die nur 11,2 km lange, aber dank einiger Steilanstiege mit Treppen und Leitern ambitionierte Wanderrunde sollte man sich gute vier Stunden Gehzeit gönnen. Ein Wandertraum. „Geht‘s denn noch besser?“, frage ich mich. Und ob! Gelegenheit zur Nagelprobe bietet der UNESCO- Geopark Famenne-Ardenne. Und wieder liegen die Wurzeln für diese wanderbaren Geheimnisse in der besonderen geologischen Geschichte. Genauer gesagt in einem 140 km langen und zwischen einem und vier Kilometer breiten Kalkgebirge, das sich vom Nordosten der Wallonie um das wunderschöne Durbuy über Marche-en-Famenne und Rochefort in den Südwesten bei Wellin und Tellin erstreckt. Die Besonderheiten des Karst sind die Dolinen, Erdfälle, Tropfsteinhöhlen, Kalkriffe, Grotten und das Phänomen des verschwindenden Wassers. Bei Han-sur-Lesse verschwindet sogar ein ganzer Fluss in einem Loch und gelangt erst nach etwa 10 km unterirdischer Odyssee wieder ans Tageslicht. Auch die Grotten von Lorette oberhalb von Rochefort, deren Höhlengewirr sich auf rund 7 km Länge erstreckt, gehen auf durchströmendes Wasser zurück. Über mehrere hundert Stufen steigt man bis zu 60 m tief in die Unterwelt ein. Eine Wunderwelt, die im Lichte der Scheinwerfer glitzert und strahlt. Beeindruckt wandere ich über die Höhen zu einem Aussichtspunkt des als „Calestienne“ bezeichneten Kalkgebirges. Steil fallen die Kalkrippen in das Tal unter mir ab. Auf dem sonnenwarmen Kalkmagerrasen betört der Geruch nach Salbei, Bohnenkraut und Oregano, bezirzt das Gezirpe der Grillen und Grashüpfer die Ohren und der rauschhafte Flug der Schmetterlinge begeistert das Auge. Wundervoll! (ms) FREŸR - EIN GARTEN EDEN Es ist ein Paradiesgarten an den Ufern der Maas, überragt von 120 m hohen Felsen. 20 Generationen der Herzöge Beaufort-Spontin haben in der Sommerresidenz (dem Versailles an der Maas) gelebt und das Anwesen liebevoll gestaltet. Der Besucher ist eingeladen, nicht nur die Geschichte des Schlosses, sondern auch die grandiose Umgebung vor den Toren von Dinant zu erleben. Gekrönte Häupter waren in Freÿr zu Besuch. Die Gärten und Terrassen im Stile der Renaissance zeigen sich in einer ausnehmend prachtvollen und doch intimen Gestaltung. Das Plätschern der Springbrunnen, der Duft der 300 Jahre alten Orangenbäume in Belgiens ältester Orangerie und die 6 km langen kleinen Labyrinthe begeistern Jung und Alt. (ms) © Axel Bonaert Die Semois bei Botassart © Andreas Pacek freyr.be Typisch: Der Rennsteig als knorriger Pfad www.wandermagazin.de 17