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Belgische Ardennen – Wandermagazin 209

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Belgische Ardennen: Zu den Quellen guten Lebens Wandermagazin-Herausgeber zeigt auf 22 Seiten die grünen und genussvollen und erfrischenden Seiten der Belgischen Ardennen rund um Spa, Bouillon und das Hohe Venn.

REGIOPANORAMA I

REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN ZU DEN QUELLEN DES GESCHMACKS Vencimont ist ein hübsches Dorf an den Ufern der Houille, einem munteren Ardennenflüsschen. Dort bestaune ich an einem Spätsommerabend drei gut zwei Meter große unterschächtige Mühlräder in der Moulin de Vencimont. Originellerweise sind die Wasserräder kaskadenförmig angelegt und treiben Mühlsteine aus Lavagestein an. Die Wassermühle aus dem 18. Jh. ist weit über die Region hinaus als eine Quelle des besonderen Geschmacks bekannt, denn das Mehl wird nur aus heimischem Getreide gemahlen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich das weiße Dinkelmehl aus nachhaltigem Anbau. Feine Aromen von Nüssen und gerösteten Mandeln bestimmen den Geschmack des Mehls, das zudem wertvolle Mineralien und Nährstoffe enthält. In der angeschlossenen kleinen Bäckerei kaufe ich eines der kross gebackenen, duftenden Weißbrote und beiße hinein. Was für eine Geschmacksexplosion! GOTTFRIED VON BOUILLON Sein Konterfei schmückt Biermarken, Fahnen, Plakate, Bücher, Restaurants und Hotels in Bouillon und Umgebung. Die gewaltige Burganlage auf dem Felssporn in der wundervollen Flussschleife der Semois in Bouillon gehörte im 11 Jh. den Grafen Ardenne. Von den drei Burgherren des Geschlechts erlangte Gottfried von Bouillon (alias Gottfried V.) als Heerführer im Ersten Kreuzzug und als erster Regent nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 1100 Berühmtheit. 1096 verpfändete er die Burg an den Lütticher Bischof, um die Teilnahme an dem Kreuzzug ins gelobte Land mit bewaffneten Männern, Pferden und Waffen zu finanzieren. Heute ist die Burg, die Vauban im 17. Jh. zur Festungsanlage umbaute, der Hingucker. Drei Vorburgen, ein fensterloser Gang mit Knick, aberwitzig viele Treppen, Türmchen, Tore, Säle und Plattformen gibt es zu besichtigen. Den schönsten Blick auf die Burg, die Stadt, die waldreichen Ardennen und die Semois habe ich dann vom Kanonenturm aus dem 16. Jh. von der obersten Plattform. Links überspannt an der Stelle einer alten Furt eine Steinbrücke die Semois. Unter mir zeigt ein holländischer Falkner vor Publikum mit seinen Greifvögeln einstudierte Kunststücke, rechts unten der alte Stadtkern von Bouillon beidseits der Semois, auf der an diesem sonnig-warmen Tag sicher um die 40 bunte Tretboote schippern. 340 m lang ist das Festungswerk in der Höhe und misst an seiner breitesten Stelle 40 Meter. Kein Wunder, dass die Anlage nur durch Aushungern oder Seuchen zu bezwingen war. Bild oben: Die Burg von Bouillon © WBT, Holger Bernert Bild links: Im Sommer präsentieren Falkner in der Burg regelmäßig eine Greifvogel- Schau. Auch ein Weißkopfadler ist dabei. © Michael Sänger 14 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021

IM BANN DER CALESTIENNE Im Mittelpunkt des UNESCO-Geoparks Famenne-Ardenne steht ein 140 km langer und bis 4 km breiter Kalkrücken, der vom Nordosten der Wallonie bis in den Südwesten reicht. Die Verbindung von Karsthöhlen, Grotten, unterirdischen Flüssen mit den in Jahrhunderten entwickelten Traditionen, Bräuchen, der Landnutzung, der Architektur und der Lebensweisen ist eine Kernaufgabe des Geoparks. Eindrucksvolle Karstphänomene wie das Verschwinden eines Flusses bei Han-sur-Lesse, die Grotten von Rochefort oder Hotton stehen im engen Kontext zu alten Wassermühlen, Steinbrüchen, Brauereien, landwirtschaftlichen und handwerklichen Produkten der Region. Empfehlenswert sind die acht Geowanderungen mit zwischen 2,5 und 12,7 km Länge. Sie garantieren Spannung pur. (ms) www.geoparkfamenneardenne.be SPUREN DER VERFÜHRUNG Nur neun große Mäander weiter flussaufwärts stehe ich staunend in Chassepierre. Es ist ein bezauberndes Dorf, wie es mehrere in den Ardennen gibt. Etwa Laforêt oder Torgny. Keck reckt die weiß getünchte Kirche St. Martin ihren Turm über das Hochufer der Semois in die Höhe. Von der Mauer des Kirchhofs fällt der Blick hinunter auf Obst- und Gemüsegärten, auf ein altes Mühlengebäude und Reste von unterirdischen Gewölben. Hinter mir steigt der ovale Dorfplatz bergan und umschließt in der Mitte ein Restaurant. Das Dorf verströmt Ruhe. Weiter geht es auf dem Fernwanderweg GR 16 (Sentier de la Semois) mit einer Abkürzung nach Florenville. Die Kleinstadt hoch über dem Prallufer der Semois sprudelt vor Lebensfreude. Der GR 16 führt mich direkt zur Aussichtsplattform vor der Kirche Notre Dame und weiter zum quirligen zentralen Place Albert Ier und zu einer außergewöhnlichen Quelle des Geschmacks, zu Monsieur Edouard. Seit 2004 kreiert der 47 Jahre alte Chocolatier die köstlichsten Schleckereien aus den Kakaobohnen dieser Welt. Er empfängt mich strahlend mit großen dunklen Augen, erzählt, welche Unterschiede es zwischen Kakaobohnen aus Vietnam oder Madagaskar gibt und warum Schokolade bei falscher Lagerung Fett ausschwitzt und weiß wird. Als ich ihn nach einem coolen Wandertipp frage, schlägt er seine Lieblingstour auf dem GR 129 von Florenville zum Kloster Orval vor. Dass Monsieur Edouard eine ganz besondere Beziehung zu dem weltberühmten Trappistenkloster hat, demonstriert er wenig später. Auf der weißen Serviette eines Silbertabletts liegen drei Pralinen. Die habe er speziell für das Kloster Orval kreiert. „Orval“ heißt die zylinderförmige Praline mit einem Überzug, der goldfarben glänzt. Der bittere Schokoladengeschmack rühre von Kakaobohnen aus Uganda und Ecuador her und so könne die Praline auch zum herben Bier aus der Klosterbrauerei gereicht werden. Die auf „Mathilde“ getaufte quaderförmige und mit einer goldfarbenen Ganache und filigraner Ornamentik überzogene Praline erinnere an die Zeit der Klostergründung im 12. Jh. und die Legende mit dem verlorenen golden Ring der Gräfin Mathilde. Der Chocolatier präsentiert mir den schmel- Stolz posiert Metzgermeister Martin vor seinem Ladengeschäft in Naomé © Michael Sänger Die Grotte von Hotton © Gaetan Rochez www.wandermagazin.de 15